Ada Stefanie Namani * Devinderjit
Positive Vibration

Erkenntnisse über Yogi Bhajan

Den größten Teil der strukturellen Yogaausbildung, die ich genossen habe (Kundalini Yoga Stufe 1 und 2, Schwangeren/Rückbildungsyoga, Kinderyoga, Seniorenyoga, welches ich jahrelang als Fachausbildung auch gelehrt habe, etc.) geht auf die Lehren Yogi Bhajans zurück und wurde durch die von ihm gegründete Organisation 3HO (und damit verknüpfte wie KRI, IKYTA ...) vermittelt. Nanak Dev Singh Khalsa, mein Gonglehrer, in dessen Nachfolge ich Klangyoga spiele und ausbilde, war direkter Schüler Yogi Bhajans und nach eigenen Angaben der Einzige, dem dieser das tiefere Gong-Wissen anvertraut hat (siehe separate Darstellung zu ihm im Lichte der jetzt aufkommenden Diskussion)

Selbst bin ich durch einen sehr wechselvollen Weg mit 3HO und Yogi Bhajan gegangen. Seitdem ich mich in das Yoga verliebt habe und bis 2004 war ich sehr ergriffen von diesem Weg, der mir selbst viel Heilung brachte, seinem Licht, seiner Intensität. Dass Yogi Bhajan darin wie ein Heiliger verehrt wurde, nahm ich so hin ... mir war es kein Anliegen gewesen, einen Guru zu finden ... sah aber, dass es meinen Lehrern wichtig war und wollte vertrauen ... wenn auch nicht selbst jemanden haben, der über meine Geschicke bestimmt, denn das entspricht nicht meiner Natur. Indes befasste ich mich schon seit 2002 auch mit anderen Yoga-Wegen wie Hatha, Raja, Sahej Yoga, Kundalini Yoga wie Gammenthaler es lehrt, meditativem Yoga nach Nardanand, Yoga Nidra nach Satyananda Yoga, ich meditierte mit Mutter Meera und kam in Kontakt mit unterschiedlichsten spirituellen Wegen.

2004 reiste ich nach New Mexico, erlebte Yogi Bhajan, der schon sehr schwach und krank war, und auch die Aufregung und Verehrung um ihn herum. Die Regeln und Anweisungen, welche Menschen in der Gemeinschaft um ihn herum mit missionarischem Eifer gaben, gefielen mir nicht, und mir war klar, dass ich jedenfalls dort nicht zu einem inneren Kreis gehören wollte.

2006 nahm ich einen Anlauf, Ausbilderin für Kundalini Yoga zu werden. Nach zwei Tagen des Begleitens einer Ausbildung geriet ich über die schematische Art, wie energetische Prozesse gelehrt wurden, in Konflikt mit meinem Ausbilder. Mir wurde bewusst, dass auch hier sehr starke hierarchische Weisungsstrukturen stärker waren als das Recht, meine energetische Erkenntnis und Empfindung einzubringen. Hätte ich mich weiter angelegt, hätte ich es mir sehr schnell auf mehreren Ebenen in 3HO verscherzt, deshalb trat ich beiseite und hielt mich künftig am Rande von 3HO auf. Ich lernte auch, dass sich Erkenntnis eben nur bedingt schematisieren und in Lehrbüchern tradieren lässt.

Am Rande der Gemeinschaft konnte ich mich in mehrfacher Weise wohl fühlen ... Das Hilfreiche der Prägung, welche viele Freunde von mir, Schüler und Kolleginnen durchlaufen hatten, verbindet uns und unterstützt das Streben nach Wahrheit - trotz allem, das auch darin steckt. Ich praktiziere die Techniken gern und fühle mich wohl damit, sie beruflich zu nutzen (wobei ich parallel auch andere Wege hilfreich finde) ... und bin dabei möglichst wenig in Organisationsstrukturen involviert. Im Ausbilden von Seniorenyoga konnte ich mit relativ viel Freiheit Yogi Bhajans Lehren interpretieren, da klar ist: Man kann 80-jährigen Schülern weder körperlich noch geistig ein starres System von Weisheit und Übungen aufzwingen.

Mein Lehrer Nanak Dev Singh unterstützte die Individualität und Freiheit der Erkenntnis sehr. Sein Triguna-Konzept, welches viel Wert auf Wahrhaftigkeit und Erdung legt (Be Real!) und seine gewonnene Distanz von Yogi Bhajan (er hatte sich nach wechselvollen Erfahrungen mehr seinem Kampfkunst-Lehrer zugewandt) machten auf eigene Weise einen selbständigen und erweiterten Zugang zum Erkenntnisweg Kundalini Yoga möglich. Der Gong löst immer Wahrheit aus, unter seinem Klang ist Manipulation nicht möglich ... der Gong-Prozess unterstützt durch einen kurzen Zeitraum des Geführt-Werdens Entfaltung, leitet dann den Lernenden in seine*ihre Verantwortung zurück.

Parallel dazu erweiterte ich meine Kenntnisse der Psychotherapie, wozu Arbeit mit Schatten, die Befreiung und Wahrhaftigkeit in Beziehungen gehören. Mir wurde immer bewusster, wo die Stärken und wo die Schwächen dessen liegen, einen hochenergetischen Weg der Erkenntnis zu gehen. Viele Yogi*nis kamen und kommen in meine Praxis, und ich lernte (so wie auch immer wieder in meinem eigenen Kontakt mit 3HO) sehr viel über das Erheben, und auch das Manipulieren und Missachten in spirituellen Traditionen.

Zudem wurde mir bewusst, dass Kundalini Yoga nach Yogi Bhajan bei manchen Befindlichkeiten mehr schadet als nützt ... zum Beispiel bei sehr sensiblen Menschen eher die Hautlosigkeit und Dissoziation befördern kann. Dass andere die Schatten ihrer Persönlichkeit im hellen Licht der hohen Energien noch mehr vor sich verborgen halten als ohnehin schon; quasi sehr kraftvoll neurotisch werden. Andererseits haben Yogi*nis, die sich denn trauen, sich ernsthaft zu erforschen, sehr große Erkenntnisschritte gehen können in hohem Bewusstsein der Kräfte, welche sie tragen und behüten (ich möchte hier sicher nicht das Kind mit dem Bade ausschütten). Oft stand ich auf der jeweils größten Bühne von Yogafestivals und bat Teilnehmende, niemanden auf diesen Veranstaltungen anzuhimmeln, die Wahrheit in sich und im direkten Kontakt mit der Unendlichkeit zu finden.

Im Januar 2020 erschien Pamela Saharah Dysons Buch "White Bird in a Golden Cage" und schlug wie ein Blitz in die Kundalini Yoga-nach-Yogi Bhajan-Gemeinschaft ein. Diese durchläuft alle Phasen eines Trauerprozesses: Leugnung, Aufwallen der Gefühle, Neueinordnung ... Selbst empfinde ich dies als eine große Befreiung. Vorangegangen waren Zweifel, dass Yogi Bhajans Legende um seinen Lehrer Sant Hazara Singh zutrifft (s. Artikel von Deslippe) sowie der Skandal um den ehemaligen 3HO-Ausbilder Karta Singh, der sich vielleicht vieles bloß bei seinem Lehrer anbgeschaut hat.

Glaubt man Dysons Buch, die fünfzehn Jahre lang Yogi Bhajans Privatsekretärin war, erscheint es so: Yogi Bhajan war auf der einen Seite ein Medium und enorm begabter Vermittler von Weisheit und Wissen; als Mensch war er allem Anschein nach ein manipulativer Pascha, der seine eigenen Schatten nicht wesentlich abgearbeitet, sondern direkt Bedürfnisse seines Egos in seine Organisation gegeben hat. Deren Mitglieder sich wiederum so sehr einen unfehlbaren Lehrer und eine allein selig machende Lehre wünschten ... und kaum bemerken wollten, wie viele Widersprüche wir uns - zusammen mit genialen Lehren - aus Indien importierten.

Für mich ist die Entwicklung nach Dysons Buch eine enorme Befreiung. Endlich können wir als Gemeinschaft einen Ausgleich zu über einem halben Jahrhundert Heiligenverehrung leisten. Endlich hat 3HO eine echte Chance, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden: eine Gemeinschaft des Wassermannzeitalters zu werden, in der der Hierarchien höchstens einer Wachstumsbewegung dienen, und dann aufgelöst werden. Vielleicht wäre es auch eine gute Idee, sich auf mehr Quellen zu beziehen als auf eine Person. Es geht ein enormer Erkenntnis-Schub durch die gesamte Bewegung.

Reine Erleuchtungslehre ist etwas Wunderbares; diese muss aber das Reich der Maya (Täuschung, Materie), erstens durchdringen; zweitens: Das was hilfreich ist oder überwunden gehört innerhalb der Maya muss geachtet und in eigene Entwicklungsprozesse gebracht werden. Wahrheit muss in uns allen entstehen, im täglichen Handeln, im Miteinander, im liebevollen Umgang mit Licht- und Schattenseiten. Ich hoffe, dass ich hierin jeden Tag lerne und hierzu auch einen Beitrag für andere leisten konnte und kann. Yogi Bhajan bin ich sehr dankbar dafür, dass er sich zum Briefträger für so viele Lehren gemacht hat, die mich sonst kaum erreicht hätten. Und dafür, dass wir nun im Nachgang so viel Menschliches für die Gemeinschaft lernen dürfen, indem wir hinter ihm aufräumen und daran wachsen. Mögen wir hieraus auch für andere Formen von Gemeinschaft Erkenntnisse ziehen. Wahe Guru*!


* und dieser Ausruf der Erkenntnis (den jede*r in 3HO kennt) gehört nicht Yogi Bhajan, sondern allen Menschen

 
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